Seine Vergangenheit loslassen

Oder: Wie man sie akzeptiert und nach vorne schaut

Im Schmerz suhlen oder ihn überwinden?

Warum Menschen mit ihrer Vergangenheit hadern

Wenn Menschen von ihrer Vergangenheit sprechen, ist häufig von ihrer Kindheit die Rede. Sie beschäftigen sich sehr intensiv mit ihr und hegen Gedanken wie: „Warum habe ich nicht mehr Zuwendung, Lob oder Anerkennung bekommen?“, „Warum hat Papa nicht so viel Zeit mit mir verbracht wie mit meiner Schwester/meinem Bruder?“ oder auch: „Hätte man mich als Kind mehr gefördert, würde ich jetzt ganz wo anders stehen, wäre erfolgreicher.“

Aus solchen Sätzen spricht der deutliche Schmerz, der bis in die Gegenwart hinein noch nicht überwunden wurde. Dieser Schmerz wird häufig als Rechtfertigung dafür genommen, dass es im Leben nicht besser läuft und sich kein Erfolg einstellt. Wie soll man denn zu mehr Glück und Erfolg kommen, wenn man nicht geliebt und gefördert wurde? Der Schmerz ist angeblich so stark, dass er einem jede Kraft nimmt, zuversichtlich und aktiv das weitere Leben zu gestalten.

Die schmerzhafte Wahrheit ist jedoch: Dieser Schmerz aus der Vergangenheit ist nichts anderes als eine willkommene Ausrede, um passiv zu bleiben und nicht die Komfortzone verlassen zu müssen. Den Schmerz auszuhalten mag lähmen, Zuversicht und Kraft rauben, aber lieber hält man ihn aus, als ihn tatsächlich bei der Wurzel zu packen und auszureißen. Dem Schmerz wird die Verantwortung übergeben, damit man sie nicht selbst zu tragen hat und das Leben „bequem“ verbringen kann.

Das bedeutet natürlich nicht, dass der Schmerz ungerechtfertigt ist oder keinen Tribut fordert. Eine belastende, schmerzhafte oder gar traumatische Vergangenheit hinterlässt Spuren, nicht selten sichtbare. Allerdings ist es ein großer Unterschied, ob man sich einfach nur dem Schmerz aussetzt oder sich ihm bewusst stellt und versucht ihn zu überwinden. Wünscht man sich für sich ein gutes Leben, muss man selbst folgende Frage ehrlich beantworten: Alle Verantwortung auf den Schmerz schieben oder sie in die eigene Hand nehmen, um im Leben vorwärts zu kommen? Selten ist der leichte Weg der richtige.

Wie man die Vergangenheit verarbeitet

Dass man seine Vergangenheit nicht als Ausrede verwenden sollte, bedeutet allerdings nicht, dass man sie unterschätzen darf. Es ist also nicht ratsam, sie einfach zu verdrängen oder in einer Schublade mit der Aufschrift „erledigt“ im Hinterstübchen zu verstauen. Dazu neigen viele Menschen, mit belastender Vergangenheit. Sie sind froh, dass diese schmerzhafte Zeit vorüber ist, stürzen sich ins Leben. Die stillen Momente, in denen sie bedroht sind, wieder davon eingeholt zu werden, verdrängen sie schnell wieder, oder winken sie ab und füllen sie stattdessen mit Aktivitäten. Andere kompensieren sie bewusst oder unbewusst mit schlechten Angewohnheiten wie Alkohol oder Zucker.

Diese Strategie mag eine lange Zeit aufgehen. Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte, aber irgendwann holt sie einen ein. Entweder im Sterbebett oder bei den Kindern brechen die geprägten schädlichen Muster hervor, wenn sie nicht nachhaltig verarbeitet und korrigiert wurden.

Die Vergangenheit zu verdrängen oder einfach als unwichtig im Hinterkopf zu verstauen ist also überhaupt nicht empfehlenswert. Welche Methode ist dann die richtige?

Dafür gibt es kein Patentrezept. Jeder Mensch verarbeitet belastende Dinge auf seine Weise, aber um eins kommt niemand herum: Sich mit der Vergangenheit bewusst und kritisch auseinanderzusetzen, um die Erfahrungen zu verstehen und einzusehen, dass man als Erwachsener Mensch nicht mehr ausgeliefert ist, sondern für sich selbst sorgen kann und so frei für neue positive Erfahrungen ist.

Bei der Verarbeitung geht es darum, zu verstehen, dass man als Kind nichts gegen den Schmerz ausrichten konnte und somit ausgeliefert war. Denn nur, wer die Ursachen für schädliche Verhaltensmuster und Glaubenssätze kennt, kann dagegen vorgehen. Die Schmerzen oder gar Traumata hinterlassen natürlich Narben, die wahrscheinlich nie ganz verschwinden. Wir haben sie aber überstanden und haben jetzt die Kraft, unser Potenzial auf eine Weise zu entfalten, wie es Menschen mit harmonischer Vergangenheit vermutlich gar nicht möglich ist.

Kümmert man sich nämlich nicht darum, sein negativ geprägtes Muster aufzulösen, überträgt man sie unbewusst auf die eigenen Kinder, eben weil man sich ihrer nicht bewusst ist. Das kann fatale Folgen haben.

Wenn wir uns unserer Vergangenheit stellen, dann tun wir das nicht nur für uns, sondern auch für die nachfolgende Generation.

Weshalb die Vergangenheit so einprägsam ist

Warum hat unsere Vergangenheit überhaupt einen so starken Einfluss auf uns? Weil sie ganz einfach ein Teil von uns ist. In den ersten fünf bis sechs Jahren, in denen wir über noch keinen gefestigten Charakter verfügen und im Prinzip wie leere Fässer sind, die mit Erlebnissen, Erfahrungen und Glaubenssätzen gefüllt werden, werden wir sehr stark geprägt. Die da gestellten Weichen sind oft maßgeblich für den Verlauf unseres weiteren Lebens. Wir wünschen uns Zuwendung, Geborgenheit, Liebe und menschlichen Kontakt. Das sind die wichtigsten Bedürfnisse und wenn diese nicht oder nicht ausreichend erfüllt werden, schlägt das Wunden in uns.

Die in dieser Zeit geprägten Glaubenssätze machen einen nicht zu unterschätzenden Anteil unserer Persönlichkeit aus, der nicht verdrängt werden sollte. Bei ihr ist es wie mit allen Aspekten unserer Persönlichkeit. Es gilt, sie zu akzeptieren, wenn wir Frieden finden wollen.

Das schwierige an der Vergangenheit ist, dass man sie nicht mehr verändern kann. Wir würden am liebsten in die Zeit zurück reisen und den verantwortlichen Personen die Meinung sagen oder sie einfach davon abhalten, solchen Schaden anzurichten. Dabei vergessen wir aber auch wieder, dass eben jene Erfahrungen uns zu den Menschen gemacht haben, die wir heute sind. Gewisse Qualitäten hätten sich womöglich gar nicht entfalten können, wenn die Umstände günstiger gewesen wären.

Wenn du also zu den Menschen gehörst, die eine schwierige Vergangenheit hinter sich haben, hadere nicht mehr damit, sondern überwinde sie, indem du sie als Teil von dir akzeptierst und so nach vorne schauen kannst.

Alles Liebe

Sayeda

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