Wie man Trauer zulässt

Trauer gehört zum Heilungsprozess dazu

Die Bedeutung von Trauer

Trauer erleben wir immer als geradezu automatische Reaktion auf einen schweren Verlust: Wenn ein geliebter Mensch stirbt, eine Beziehung zu Ende geht, das geliebte Haustier stirbt, man durch unglückliche Umstände seine Anstellung verliert oder etwas sehr wichtiges aufgeben muss. Daran ist absolut nichts verkehrt. In dem wir trauern, zeigen wir, dass der Verlust an uns nagt, die Person oder die Sache uns wichtig war und deshalb schmerzt. Wir zeigen damit, dass der Verlust Bedeutung für uns hat. Es wäre auch sehr bedenklich, bei solchen Ereignissen mit purer Kälte zu reagieren.

Trauer gehört also zum Abschiedsprozess dazu und ist daher eine wichtige Phase im Leben, der man auch die nötige Aufmerksamkeit und Zeit zugestehen sollte. In einigen Kulturen sind die Trauerphasen sogar genau festgelegt. Das klingt vielleicht übertrieben, ist aber in Anbetracht der Wichtigkeit des Heilungsprozesses gar nicht verkehrt. Denn nur, wer sich mit seiner Trauer auch so eingehend wie möglich befasst hat, kann mit seinem Leben weiter machen und sich auch für neues öffnen. Oder kann man sich auf eine neue Beziehung einlassen, obwohl man die alte noch nicht überwunden hat? Wohl kaum.

Warum wir die Trauer versuchen zu verdrängen

In unserer westlichen, von Leistung geprägten Kultur allerdings gestaltet sich das als etwas schwieriger. Sicher nimmt man auf Trauerfälle durchaus Rücksicht, aber nach einer bestimmten Zeitspanne, wird von einem erwartet, dass man wieder fit auf der Matte steht und den Anforderungen gerecht wird. Der Alltag wartet nicht. Das ist insofern problematisch, weil jeder eine individuelle Art zu trauern hat und daher auch unterschiedlich viel Zeit braucht.
Da aber auf die individuellen Bedürfnisse des Trauernden selten die nötige Rücksicht genommen wird, stehen die meisten von uns wieder auf und gehen weiter, obwohl sie noch Zeit bräuchten. Sie widmen sich wieder ihrem Alltag, dessen vollgepackter Terminkalender kaum Luft für die notwendige Trauerzeit lässt. Wir funktionieren weiter, obwohl wir noch mehr Zeit bräuchten, wodurch die Gefühle stecken bleiben, anstatt ausgelebt zu werden. Das ist aber auf Dauer nicht gesund, denn Trauer verschwindet nicht, sondern nimmt sich ihren Platz, bis sie ihre Aufgabe erfüllt hat.

Ein anderer Fall sind Menschen, die sich gar nicht erst auf ihre Trauer einlassen, sondern gleich wieder „Gas geben“. Sie halten es für Zeitverschwendung, einem Verlust nachzutrauern und wollen gleich zu neuen Ufern aufbrechen. Oft ist es in Wahrheit jedoch so, dass sie Angst davor haben, sich aufs trauern einzulassen. Einige fürchten sich davor, mit der brodelnden Trauer nicht zu Recht zu kommen oder gar daran zu zerbrechen. Das ist verständlich, denn sich voll und ganz auf den Trauerprozess einzulassen, erfordert oft so viel Kraft, dass wir uns kaum mit den normalen Anforderungen des Alltags befassen können. Er bleibt sprichwörtlich auf der Strecke. Wir können es uns in unserer Kultur jedoch nicht leisten, nicht zumindest noch teilweise zu funktionieren. Keine leichte Situation also.

Der Trauer den ihr zustehenden Platz geben

Wir können also weder nur trauern, noch nur funktionieren und die Trauer so verdrängen. Also gilt es einen passenden Kompromiss zu finden. Wie sieht der aus?

Diese Frage kann nicht mit einem universal gültigen Patentrezept beantwortet werden. Dazu sind Menschen einfach zu verschieden und wie schon erwähnt, trauert jeder auf individuelle Weise.

Zunächst sollte einem klar sein, dass es nicht nötig ist, seine ganze Freizeit oder den kompletten Jahresurlaub fürs trauern aufzuwenden. Wenn es gelingt, ihr den nötigen Platz im Alltag einzuräumen, spielt Zeit eine untergeordnete Rolle. Trauer will uns nicht für immer belagern, sondern nur wahrgenommen werden, damit sie anschließend in Frieden gehen kann.

Dann sollte man sich als Nächstes seinen Alltag genau ansehen und überprüfen, ob es Zeiten gibt (und die gibt es garantiert, auch wenn es nur zehn Minuten sind), in denen man wirklich Zeit für sich hat und absolut ungestört ist. Je nach individuellem Bedarf, sollte man diese Zeitspanne oder einen ausreichenden Teil davon dem Trauerprozess widmen, d.h. die Trauer annehmen und wirklich hineinspüren. Wie oft am Tag oder in der Woche oder im Monat man sich diese Zeit nimmt, ist relativ da es von dem individuellen Bedürfnis abhängt.

In diesem Zeitraum gilt es, alle möglichen äußeren Störfaktoren so gut es geht, auszuschalten und sich ganz dem Trauerprozess zu öffnen. Zu trauern ist immer schmerzhaft, weil ein Verlust niemals leicht ist und immer eine Wunde hinterlässt. Diese heilt aber nicht, wenn man sie nur übertüncht. Das machen einige Menschen, in dem sie mit Wut oder Zorn reagieren, das sind aber nur Schutzmechanismen, um den Schmerz nicht oder leichter aushalten zu können. Man muss einer Verletzung die nötige Zeit zum heilen geben. Man spielt schließlich auch nicht mit einfach am nächsten Tag mit einem gebrochenen Bein weiter.

Ganz wichtig ist außerdem folgendes: Man trauert nur für sich selbst und nicht für den Verlust. Es geht darum, dass man sich selbst die nötige Zeit für den Heilungsprozess gibt, ums wieder offen für neues zu sein. Man trauert dabei auch nicht dem verlorenen Menschen oder der verlorenen Sache nach, das tut man erst, wenn man ihnen seelisch nachhängt und nicht loslässt.

Das Schwierige an der Trauer ist, dass sie sich zeitlos anfühlt und scheinbar ewig dauert. Dabei handelt es sich aber weniger um die Trauer, sondern um den damit verbundenen Schmerz der zugefügten Wunde. Sie nagt, sticht oder brennt und scheint einfach nicht zu heilen. Lässt man sich jedoch darauf ein, wird es allmählich leichter und Stück für Stück kehrt der Frieden zu einem zurück.

Suche dir also einen für dich passenden Zeitraum, indem du ungestört bist und dich voll und ganz auf dich konzentrieren kannst. Nimm dir, die dafür vorgesehene Zeit, nicht mehr und nicht weniger, und verarbeite die Trauer auf deine eigene individuelle Weise.

Alles Liebe

Sayeda

Zurück