Wie man Hilfe annimmt

Warum wir Hilfe verweigern

Lerne, Hilfe anzunehmen.
Sich Hilfe zu suchen, ist in unserer Gesellschaft nicht gern gesehen, teilweise sogar verpönt. Die Gründe dafür lassen sich schnell herausfiltern. Schon während unserer frühkindlichen Erziehung werden wir dazu ermutigt, möglichst selbstständig zu sein. Bei den meisten ist dieser Trieb auch sehr früh vorhanden und wird weiter gefördert. Wir erleben Freude und Anerkennung von unseren Eltern, wenn wir unsere ersten Schritte machen, Fahrrad fahren oder Rollschuh laufen lernen. Sicher erhalten wir dabei auch viel Unterstützung, bekommen dabei aber gleichzeitig auch immer wieder gepredigt, dass wir als Erwachsene auf eigenen Füßen im Leben stehen müssen. Zusammen mit der in unserer Gesellschaft greifbaren Freiheit entsteht in uns der große Ehrgeiz oder auch der Drang, möglichst viel anzupacken und zu schaffen.

So positiv das im ersten Moment auch erscheinen mag, kann das schnell gefährlich werden. Denn nicht selten entsteht dadurch ein ziemliches Ego, das nur durch eigene Leistung befriedigt werden kann. Es fühlt sich dann unangenehm, sogar falsch an, sich von anderen helfen zu lassen. Außerdem stellt sich bei vielen das Gefühl ein, versagt zu haben, was wiederum das Selbstwertgefühl angreift. Wir beginnen, uns wertlos zu fühlen, weil wir denken, nicht gut genug zu sein. Sonst hätten wir es ja auch alleine schaffen können.

Einige geraten dabei in einen Teufelskreis. Widerwillig wird die Hilfe angenommen, dann trifft man den Vorsatz, es beim nächsten Mal besser zu machen, stürzt emotional wieder ab, nimmt noch widerwilliger Hilfe an usw. Bei einem solchen Verhaltensmuster dauert es nicht sehr lange, bis man seine Kraft immer weiter ausbrennt oder dann sogar das altbekannte Burnout-Syndrom erleidet. Erst ab diesem Punkt sind die meisten von uns bereit, sich tatsächlich nachhaltig helfen zu lassen und wissen die Hilfe dann auch tatsächlich zu schätzen.


Die Bedeutung von Hilfe verstehen


Wenn du schonungslos ehrlich zu dir bist, wirst du ziemlich schnell einsehen, dass das von mir geschilderte Szenario gar nicht erst so ein extremes Ausmaß annehmen muss, bevor man anfängt umzudenken. (Okay, ich gebe es zu: Auch mir fällt es schwer, mir helfen zu lassen. Aber ich arbeite daran und mir geht es zunehmend besser damit. Zum Glück hat es bei mir vor der absoluten Erschöpfung >Klick!< gemacht.
Ich weiß also, wie unangenehm vielen der Gedanke ist, sich helfen zu lassen. Wie gelingt es also, die Annahme von Hilfe nicht mit dem Gefühl der Unzulänglichkeit oder des Versagens zu verwechseln?

Der erste Schritt beginnt im Kopf. Mach dir bewusst: Wir sind alle nur Menschen. Wesen mit zwar jeder Menge Potenzial, aber nun mal auch mit Grenzen. Es geht im Leben nicht nur darum, ständig Gas zu geben und zu 100% zu funktionieren. Wäre dies so, bräuchten wir keine Pausen oder Nachtruhe. Als nächstes solltest du versuchen, dich in die Lage der Person zu versetzen, die dir deine Hilfe anbietet; Dein Partner oder deine Freunde sehen, was du tust und was es mit dir macht. Wenn sie dir also ihre Hilfe anbieten, dann wohl kaum, weil sie dich für einen Versager halten oder glauben, dass du dein Ziel nicht erreichst. Sie möchten dir die Möglichkeit geben, dich etwas zu entspannen, damit du deine Energie auf das Wesentliche konzentrieren kannst. Hätten sie unlautere Absichten, würdest du ja kaum mit ihnen befreundet sein wollen. Sieh solche Angebote als Chance, neue Kraft zu tanken, die du sinnvoll nutzen kannst. Hilfe wird einem angeboten, weil man von nahestehenden Menschen wertgeschätzt wird. Sicher gibt es auch die andere Seite. Ich streite nicht im Mindesten ab, dass Hilfe auch aus einer negativen Absicht heraus angeboten werden kann. Bestimmt kannst du jedoch das eine vom anderen unterscheiden.
 
Bei allem Ehrgeiz und Leistungsbereitschaft sollten wir folgende Tatsachen nicht außer Acht lassen: Der Chef hätte es ohne Assistentin oder Sekretärin viel schwerer, seine Abteilung oder sein Unternehmen zu leiten. Auch der beste Spieler ist auf sein Team angewiesen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Viele Profis haben Manager, die den Papierkram für sie übernehmen, damit sie sich voll und ganz auf ihre Stärken konzentrieren können. Deren Erfolg gründet sich also nicht darauf, dass sie alles alleine schaffen wollen, sondern weil sie ihre Stärken und Schwächen genau kennen und mit ihnen umzugehen wissen. Trotzdem leisten sie dabei unverkennbar den Löwenanteil der Arbeit.

Es bedeutet also nicht im Geringsten Schwäche, sich über seine Grenzen im Klaren zu sein. Im Gegenteil, es zeugt von sehr großer, persönlicher Reife, sich dies einzugestehen. Umso dankbarer ist man für jede Hilfe.

Es ist völlig in Ordnung, seine Träume und Ziele konsequent zu verfolgen und in die Tat umzusetzen, nur hast du schwerlich was davon, wenn du am Ende der Zielstrecke nicht mal den Pokal halten kannst. Gönne dir Ruhepausen, um dich zu erholen und neu zu strukturieren. Nutze sie, um den Status Quo immer wieder neu zu bewerten und Ordnung zu schaffen. Das ist für den Erfolg ebenso wichtig.

Natürlich kannst du weiterhin stolz auf deine erbrachten Leistungen sein. Lass aber nicht zu, dass dein Ego dich runterzieht, nur weil du etwas alleine nicht schaffst. Du gibst nicht deine Ziele auf, nur weil du dir von jemandem helfen lässt. Du ebnest dir nur deinen Weg zum Ziel.

Sicher gibt es auch Menschen, die scheinbar alles können und keine Hilfe brauchen. Sie bekommen offenbar einfach alles mit links hin und scheitern auch nie. (Mal unter uns: Solche Menschen sind im Umgang sehr schwierig, weil sie ganz andere Schwächen haben. Weiß ich aus Erfahrung.)

Also gib ruhig weiter Gas, aber lass dich dir selbst zu liebe auch mal ein Stück mitnehmen, um neue Kraft zu tanken. Genau darum geht es nämlich, wenn dir Hilfe angeboten wird.

Alles liebe
 
Sayeda

Zurück