Was Vorurteile über uns aussagen

Oder: Warum du dich im Grunde selber dabei tangierst

Vorurteile sind vergeudete Möglichkeiten

Weshalb wir andere verurteilen

Unser Leben ist zu großen Teilen von oberflächlichen Statussymbolen geprägt. Wir messen und beurteilen jemanden nach seinem Aussehen, Gehalt und materiellem Besitz. Je nachdem wieviel der-oder diejenige davon hat, schreiben wir ihm entweder positive Eigenschaften wie Fleiß, Intelligenz, Durchhaltevermögen oder Ehrgeiz zu oder unterstellen negative Eigenschaften wie Faulheit, Ignoranz, Desinteresse oder Verantwortungslosigkeit. Quasi nach dem Motto haste was, biste was. Haste nichts, biste nichts.

Je nachdem welche Eigenschaften wir diesem Menschen zuordnen, machen wir uns relativ schnell ein Bild von dem Menschen und stempeln ihn ab. Er kommt in die geistige Schublade gut, schlecht, sportlich, faul, verantwortungsbewusst oder ignorant und es wird sich oft nicht weiter damit auseinandergesetzt.

So zu agieren macht das Leben scheinbar einfach, in Wahrheit ist es jedoch eine Vergeudung an Möglichkeiten unserer persönlichen Entwicklung.

Verurteilen wir jemanden, verurteilen wir eigentlich uns selbst

Wann immer wir Menschen aufgrund von vorschnellen Eindrücken in Schubladen stecken, projizieren wir vermutete oder womöglich auch offensichtliche Unzulänglichkeiten von uns nach außen. Dadurch bekommen wir das durch die uns gegenüberstehende Person gespiegelt, was oft ein Gefühl des Unwohlseins erzeugt. Das ist verständlich, da die meisten sich nur ungern mit ihren Schwachpunkten auseinandersetzen und es ihnen dann noch weniger gefällt, wenn es von anderen Menschen reflektiert wird.

Unabhängig davon, dass Vorurteile eher von Nachteil sind, zeigen sie viel mehr auf, woran wir arbeiten sollten. Halten wir jemanden für faul und stören uns daran, denken wir insgeheim an unsere eigene Neigung zu Bequemlichkeit. Verurteilen wir jemandem aufgrund seiner Arroganz, dann steckt auch in uns selbst etwas davon. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir überhaupt arrogant oder faul sind, aber diese Anteile sich in bestimmten Bereichen durchaus zeigen können.

Dieses Wissen können wir konstruktiv für uns selbst nutzen, indem wir uns so unserer Schwächen, seien sie noch so klein, bewusst werden und gezielt an ihnen arbeiten.

Sollten wir z.B. tatsächlich feststellen, in einem ganz bestimmten Bereich unsere Zeit mit jammern zu vergeuden, als Verantwortung dafür zu übernehmen und nach einer Lösung zu suchen, wäre das schon mal ein wertvoller Ansatz. Dieses Prinzip lässt sich auf jede Schwäche anwenden. Auf diese Weise können wir auf nachvollziehbare Art unsere persönliche Entwicklung verfolgen und mehr über uns selbst lernen.
Wenn dir also bei der Begegnung mit einem Menschen etwas sauer aufstößt, höre so gut du kannst in dich hinein. Du könntest etwas Wichtiges über dich selbst herausfinden.

Warum Vorurteile unnötige Hindernisse sind

Haben wir erkannt, dass es sich bei Vorurteilen nur um nach außen projizierte Reflektionen unserer eigenen Unzulänglichkeiten handelt, kommt ein weiterer Aspekt hinzu, der Vorurteile nachhaltig sinnlos macht: Die Person selbst.

Nehmen wir zur Veranschaulichung zwei Beispiele:

1.    Angenommen, du bist eine sehr sportliche Person und spielst aktiv in einem Verein mit. Eines Tages bekommt eure Mannschaft ein neues Mitglied, das im Gegensatz zu dir übergewichtig ist. Klassisches Vorurteil könnte sein, dass du dich fragst, wie so jemand überhaupt beitreten durfte, da er doch offensichtlich sehr faul ist und höchstwahrscheinlich nicht zum Erfolg der Mannschaft wird beitragen können. Im Laufe der Zeit stellt sich jedoch heraus, dass das neue Mitglied nicht nur über eine gute Technik verfügt, sondern sogar eine bestimmte Ausführung besser beherrscht als du. Da ihr euch zwangsläufig besser kennenlernt, stellt sich irgendwann bei einem Gespräch heraus, dass die Person sich vorher die Mitgliedschaft bei einem Verein nicht leisten konnte und auch sonst keine Unterstützung erhalten hat. Erst seit kurzem ist er oder sie in der Lage, sich diesen Wunsch zu erfüllen.

2.    Stell dir vor, du hast einen Klassenkameraden, der ständig mittelmäßige bis schlechte Noten bekommt. Da du ihn nicht näher kennst, hältst du ihn entweder für dumm oder faul. Irgendwann stellt sich heraus, dass er zu Hause regelmäßig körperlicher Gewalt von einem Elternteil ausgesetzt war und es deswegen gerade so schafft, nicht durchzufallen.

Was sagen diese Geschichten aus? Sie sollen nur verdeutlichen, wie sehr Vorurteile unseren Blick auf Menschen trüben können und uns so womöglich neue interessante Beziehungen und Erfahrungen entgehen. Sie sind wie eine unnötige Barriere, die uns in unserer Entwicklung behindern. Die Wahrheit ist, dass wir uns Meinungen bilden ohne etwas über den Menschen zu wissen und gleichzeitig verbauen wir uns damit auch die Chance, einen Draht zum Menschen zu finden. Ob das vorteilhaft ist, sei dahingestellt.

Vorurteile durch Offenheit ersetzen

Wie genau sollten wir uns also künftig bei neuen Menschen verhalten? Zum einen sollten wir auf unseren inneren Kompass hören, zum anderen uns für den Menschen gegenüber öffnen. Das bedeutet nicht, dass wir jeden gleich für absolut toll halten sollen. Das wäre nur das andere Extrem und damit ebenso verkehrt. Nehmen wir eine Unzulänglichkeit oder Schwäche tatsächlich wahr, sollten wir das zum Anlass nehmen, über uns zu reflektieren. Gleichzeitig sollten wir uns von den mentalen Schubladen in unserem Kopf verabschieden und uns mit der Person auseinandersetzen. Dadurch erscheint das vorgefasste Urteil schnell in einem anderen Licht oder entsteht erst gar nicht, weil wir durch Kommunikation einen Eindruck von ihm als Menschen bekommen und nicht auf das Vorurteil reduzieren. Denn so kommen wir auch zwangsläufig mit seinen Stärken in Berührung, von denen wir was lernen können.

Dazu gehört eine gewisse Offenheit, die man sich vielleicht erst erarbeiten muss, es aber allemal Wert ist. Wichtig ist, nicht zu vergessen, dass man über einen neuen Menschen zunächst nichts oder fast nichts weiß und es ihm gegenüber nicht fair ist, ihn voreilig abzustempeln. Zudem ist ihm meistens auch gar nicht bewusst, dass er unsere Unzulänglichkeiten reflektiert. Umgekehrt ist uns das auch nicht bewusst, weil wir einfach nicht wissen, was in anderen Menschen vorgeht.

Lass also die Vorurteile hinter dir und öffne dich für neue Möglichkeiten!

Alles Liebe

Sayeda

Zurück