Was Harmonie wirklich bedeutet

Harmonie bedeutet nicht Oberflächlichkeit, sondern ehrliche Kritik

Harmonie ist kein Samthandschuh

Die meisten Menschen verstehen unter Harmonie Freiheit von Konflikten. Einen friedlichen Zustand, in dem sie weder in ihren privaten oder beruflichen Beziehungen mit Konflikten fertig zu werden haben. Das heißt z. B, dass man mit seinem Partner immer einer Meinung ist, die Kinder brav gehorchen, Freunde immer derselben Ansicht sind und Kollegen oder Vorgesetzte immer freundlich und fair zu einem sind. Einfach gesagt, es herrscht Friede, Freude, Eierkuchen.

Genau darin liegt das Missverständnis des Begriffs der Harmonie. Man setzt ihn mit dem Wunsch nach Freiheit von Konflikten gleich. Dahinter steckt der Wunsch, mit Samthandschuhen angefasst werden zu wollen und nicht herausgefordert zu werden. So verständlich dieses Bedürfnis in gewissem Maße ist, das dadurch entstehende Missverständnis ist geradezu fatal in seinen Auswirkungen. Es bringt nicht nur auf Dauer stetiges Unglück in unser Leben, sondern kann sogar zur Selbstzerstörung führen.

Nehmen wir dazu ein konkretes Beispiel: Stelle dir vor, du hast einen fast perfekten Partner. Er passt einfach in jeder Hinsicht perfekt zu dir, bis auf eine Sache: Er ruht sich finanziell auf deinen Lorbeeren aus und macht sich bei dir breit. Nur logisch, dass dir das irgendwann auffällt und umso verständlicher, dass du damit immer weniger einverstanden bist. Welche Konsequenzen ziehst du in einer solchen Situation?

Man hat in einer solchen Situation nur zwei Möglichkeiten. Eine besonders harmoniebedürftige Person würde bei einer solchen Erkenntnis höchstwahrscheinlich untätig bleiben und den Standpunkt vertreten, dass der Partner von sich aus darauf kommen sollte, dass er eine zunehmende Belastung darstellt. Also verbringt man die Zeit mit Hoffen und Warten…

Ein Mensch, der dagegen erkannt hat, was schief läuft und feststellt, dass es unrealistisch ist anzunehmen, dass der Partner von sich aus eine Veränderung vornimmt, zögert nicht lange und spricht diesen Missstand an. Sollte die Kommunikation nicht den gewünschten Erfolg bringen, wird er die notwendigen Konsequenzen ziehen und sich von diesem Menschen trennen, falls nötig.

In beiden Fällen wohnt den Betroffenen ein gleich großes Bedürfnis nach Harmonie inne, der Unterschied besteht lediglich in der Auslegung. Im ersten Fall lässt sich deutlich die Konfliktscheue erkennen, während im zweiten Fall Harmonie richtig verstanden wurde. Da hat der Betroffene verstanden, dass Harmonie nur durch Kommunikation und möglicherweise auch Konflikt erreicht werden kann.

Harmonische Beziehungen definieren sich nicht dadurch, dass man sich nie mit Konflikten zu seinem Umfeld konfrontiert sieht, sondern dadurch, dass man Probleme oder Missverständnisse anspricht, ohne befürchten zu müssen, dass gleich die bestehende Beziehung auseinanderbricht. Sollte eine solche Angst bestehen, ist es sinnvoll, die Qualität der Beziehung zu überprüfen.

Oberflächliche Harmonie bedeutet Stagnation

Natürlich gibt es trotzdem Menschen, die in solchen Strukturen leben und glauben, glücklich zu sein. Ich selbst bin solchen Menschen schon begegnet. Sie scheinen keine Sorgen zu haben und gehen scheinbar glücklich und unbeschwert durchs Leben.

Beneidest du solche Menschen und wünschst dir dasselbe für dich? Dann kann ich dir aus persönlicher Erfahrung folgendes schildern: Du bist in Wahrheit viel besser dran als sie. Auch ich hatte eine gewisse Zeit den Wunsch nach einem so scheinbar bequemen und friedvollen Leben. Im Laufe der Zeit stellte ich allerdings fest, dass solche Menschen in absoluter Stagnation festhängen und sich nicht weiter entwickeln.

Stell dir also vor, du verbringst ein Leben in weicher Zuckerwatte und wirst nie gefordert. Nie wirst du mit Problemen oder Abgründen konfrontiert, die du überwinden musst. Das heißt, du entwickelst dich nicht weiter, sondern trittst in deiner persönlichen Entwicklung auf der Stelle.

Wie fühlt sich diese Vorstellung an? Wenn dir ein Schauder den Rücken runter läuft oder du tief Luft holen musst, dann ist ein solch oberflächliches Leben eindeutig nichts für dich. Diese Reaktionen bedeuten nämlich, dass du weiter wachsen und dich entwickeln möchtest. Du weißt insgeheim, dass man nur durch Konflikte zu tiefen und harmonischen Beziehungen gelangen kann. Nur so lernt man sich und seine Mitmenschen in all ihren Facetten kennen.

Harmonie richtig umsetzen

Echte Harmonie erkennt man daran, dass sie auch Meinungsverschiedenheiten und Konflikte aushält. Es liegt in der Natur der Sache, dass dein Partner, deine Freunde und auch deine Kollegen und Vorgesetzen bei verschiedenen Themen anderer Meinung sind. Das liegt an ihrer Persönlichkeit, ihrer Position und an ihrer Lebenserfahrung. Menschen sind nun mal verschieden. Da kann es durchaus zu Diskussionen und auch zu Streitigkeiten kommen, die einVerhältnis auf die Probe stellen.

Denn genau daran lässt sich erkennen, ob man ein harmonisches Verhältnis zum Gegenüber hat oder nicht. Wenn du bei der Person Angst hast, deine ehrliche Meinung zu sagen oder sogar, dass die Beziehung daran zerbrechen könnte. Einfach nur, weil du nicht ja und amen sagst, dann ist das Grund genug, die Qualität der Beziehung zu hinterfragen. Denn, wenn jemand die Freundschaft aufkündigt, weil er oder sie deinen Standpunkt nicht akzeptieren kann, stellt man sich zurecht die Frage, ob es sinnvoll ist, weiter daran festzuhalten.

Zudem stellt sich als nächstes die Frage an dich: Wieso lässt du dich auf solch oberflächliche Beziehungen ein? Wieso scheust du dich so vor Konflikten? Gibt es Facetten an dir, die dir selbst Angst machen? Wer langfristig mit sich in Einklang kommen möchte, kommt nicht umhin, sich solchen Fragen zu stellen. Nur, wer mit sich selbst im Reinen ist, kann solche Beziehungen auch zu anderen Menschen knüpfen. Das heißt, nur wer genau über seine Stärken und Schwächen Bescheid weiß, kann verhindern, dass ersteres geschwächt und letzteres ausgenutzt wird. Nur mit diesem Wissen kann man konsequent Grenzen aufzeigen. Menschen, die damit in Resonanz gehen, werden das respektieren und dich auch entsprechend behandeln. Da du außerdem über dich selbst Bescheid weißt, wirst du ebenfalls relativ schnell erkennen, ob und wie weit du dich mit deinem Gegenüber einlassen kannst.

Einfach gesagt, wenn du vollkommen du selbst sein kannst und dein Gegenüber ebenfalls, sowohl in guten, wie auch in schlechten Zeiten, dann kann man von echter Harmonie sprechen.

Alles Liebe

Sayeda

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