Ob ein Leben permanent glücklich verlaufen kann

Oder: Wozu wir Unglück erfahren

Wenn Glück zum Alltag wird, ist es kein Glück mehr, sondern Gewohnheit

Nachteile von permanentem „Glück“

Immer, wenn wir das Gefühl haben, mit aktuellen Problemen oder Herausforderungen nicht zurecht zu kommen, wünschen wir uns von der aktuellen Situation weg und stellen uns ein perfektes Leben ohne Sorgen und Nöte vor. In dieser Vorstellung haben wir einen tollen Partner, eine glückliche Familie, genug Geld und können uns deshalb Annehmlichkeiten wie Traumhaus, super teurem Auto und Luxusreisen leisten. Diese Vorstellung tritt gern dann auf, wenn man sich mit Freunden oder Bekannten aus dem Umfeld vergleicht, die es scheinbar besser haben.

Jemand anderes stellt sich vor, wie er am Strand oder in einer entlegenen, einsamen Insel ungestört für sich allein lebt und sich ganz der Philosophie der Kunst widmet. Weit weg von all dem heimischen Trubel und der Hektik im Alltag.

Dann gibt es wiederum Menschen, die ihre aktuellen Schwierigkeiten auf die unglückliche Kindheit zurückführen und sich vorstellen, wie sie ihr Leben gestalten würden, wenn sie glücklicher verlaufen wäre. Sie verbringen ihre Zeit mit Hader und womöglich Groll und übersehen dabei das eigentlich Wichtige.

So verständlich diese Wünsche auch sind, sind sie letztendlich nichts anderes als Fluchtgedanken. Nicht nur, dass sie langfristig keinen Sinn haben, sie verschleiern auch den Blick auf das Wesentliche. Um das zu verdeutlichen, sehen wir uns die beschriebenen Szenarien im Folgenden genauer an.
Wünscht man sich eine harmonischere Familie und Freiheit von finanziellen Problemen, dann ist höchstwahrscheinlich das Gegenteil davon gerade akut. Möglicherweise ist eins der Kinder krank oder verhält sich in der Schule problematisch und das Geld reicht momentan vielleicht nur knapp, weil ein Kredit abbezahlt wird. Gleichzeitig sinkt die eigene Stimmung zusätzlich, wenn man beobachtet, dass Freunde es leichter zu haben scheinen.

Trifft das Beschriebene auf dich zu? Dann halte dir bitte folgendes vor Augen: Wie stehst du abgesehen von den Problemen sonst zu deiner Familie? Höchstwahrscheinlich liebst du deinen Partner und deine Kinder und sie dich ziemlich sicher auch. Die Wertschätzung beruht also auf Gegenseitigkeit und dir ist bewusst, dass ihr im Notfall an einem Strang zieht und die Hindernisse gemeinsam überwindet. Genau das vergisst man nämlich tendenziell; man fühlt sich überfordert, weil man alles alleine lösen möchte, obwohl das gar nicht nötig ist, weil einem ja Menschen zur Seite stehen. Erinnere dich also daran. Was deine Freunde betrifft, siehst du höchstwahrscheinlich nur die Oberfläche, weshalb die Vergleiche nicht nur unzutreffend sind und dich auch nicht weiter bringen.

Sehen wir uns als nächstes den Wunsch an, abgekapselt von allem mit sich allein zu sein. Ein solcher Wunsch lässt darauf schließen, dass der Betroffene wahrscheinlich mit den Menschen in seinem sozialen Umfeld unzufrieden ist, weil er mit ihnen nicht zurechtkommt und nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Am liebsten möchte er sich zurückziehen. Die Wahrheit ist aber, dass du höchstwahrscheinlich genau deshalb in dieser Situation steckst, eben damit du lernst, dich Menschen anzupassen und souverän mit ihnen umzugehen. Es ist eine Herausforderung und die gehören im Leben dazu, wenn wir wachsen wollen.

Nächstes Beispiel, die unglückliche Kindheit. Bei der Vorstellung der perfekten Kindheit stellt man sich vor, dann man bedingungslos geliebt und akzeptiert wird. Außerdem wird man in seinen Interessen und Talenten gefördert und die Eltern sind immer stolz auf erbrachte Leistungen und erfüllen einem alle Wünsche. Nicht nur, dass es sich dabei um ein unmögliches Utopia handelt, ist es tatsächlich gar nicht so förderlich für Kinder, ihnen alle Wünsche zu erfüllen und ausschließlich Freiheiten zu gewähren. Im Gegenteil, gerade Kinder, die nie Schwierigkeiten hatten, kommen als Erwachsener kaum damit zurecht, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft. Also gerade weil du gezwungen warst, dich mit Problemen auseinanderzusetzen, bist du jetzt dazu im Stande, deine aktuellen Probleme in den Griff zu bekommen. Außerdem hast du jetzt als Erwachsener selbst die Möglichkeit, dich auf deine Stärken zu besinnen und sie auszubauen.

Permanentes Glück ist kein Glück

Unglückliche und schwierige Situationen fordern uns also heraus und bringen uns dazu, unsere Stärken weiter zu entwickeln oder womöglich gar neue zu entdecken, wenn wir gezwungen sind, Lösungen für sie zu finden. Wir sind nicht mehr in der Komfortzone, sondern müssen uns anstrengen, um etwas zu erreichen. Ist das geschafft, sind wir zu Recht glücklich und wissen dieses erworbene Glück dafür umso mehr zu schätzen. Etwas, dass uns einfach so zufällt, erfüllt uns nicht wirklich, weil es uninteressant wird.

Hinzu kommt, dass es gar nicht erstrebenswert ist, permanentes Glück im Leben vorzufinden. Langfristig verhält es sich mit Glück wie mit allen anderen Wünschen: Werden sie ohne weiteres erfüllt, werden sie zu einem Bestandteil des Alltags, sprich zur Gewohnheit. Irgendwann nimmt man das für selbstverständlich und weiß es folglich auch nicht mehr zu schätzen. Permanenter Luxus und weltumspannende Reisen erzeugen also kein Glücksgefühl mehr, sondern tatsächlich ein müdes Gähnen.

Durch die schwierigen Zeiten lernen wir also erst die glücklichen zu schätzen. Hinzu kommt, dass Menschen, die es nie schwer im Leben hatten, geistig an der Oberfläche verharren. Sie müssen sich um nichts Gedanken machen, keine Lösungen für Schwierigkeiten suchen und haben so nie die Möglichkeit in ihren Beziehungen zu anderen Menschen oder anderen Themen in die Tiefe zu gehen. Da es ihnen immer gut ergangen ist, sind sie unsensibel gegenüber den Nöten anderer. Dadurch wachsen sie geistig nicht und sind umso überwältigter, wenn sie das erste Mal vor einer echten Herausforderung stehen.

Zweifelsohne ist jedes erlittene Unglück schwer zu verkraften und verlangt viel Kraft ab. Nicht selten geschieht es zur gefühlt unpassendsten Zeit im Leben. Das erworbene Wissen und die gewonnene Stärke kann uns dann aber niemand mehr nehmen.

Genau das verhilft zu Glück.

Alles Liebe

Sayeda

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