Die wahre Bedeutung von Schmerz

Warum er uns begegnet

Am erlittenen Schmerz zeigt sich unsere wahre Stärke

Schmerz ist ein guter Lehrer

Auch wenn wir noch so viele Erfolge dabei erzielen, den Schmerz zu umgehen, sucht er uns doch oft genug während des Lebens heim. Es ist eine unumstößliche Tatsache, dass wir unsere Lektionen umso besser im Gedächtnis behalten, je schmerzhafter sie uns eingetrichtert werden. Das lässt sich schon bei Kindern beobachten. Nur durch deutlich spürbare Konsequenzen lernen sie das gewünschte Verhalten. Die Drohung, ihnen ihr Spielzeug wegzunehmen, wird erst dann ernst genommen, wenn man tatsächlich Taten sprechen lässt und eben nicht nur Worte. Sie hören auch erst dann auf, gefährliche Aktionen beim Spielen auf der Rutsche oder auf dem Klettergerüst zu vollführen, wenn sie sich tatsächlich wehtun. So lernen sie nach und nach, vorsichtiger zu sein.

Später wird es nicht anders. Wenn wir weiter durchs Leben gehen und unweigerlich Menschen begegnen, die uns zurückweisen oder ablehnen, erfahren wir ebenfalls Schmerz darüber. Mit zunehmendem Alter jedoch verstehen wir solche Geschehnisse immer besser. Wir erkennen, dass es Gründe gibt, wenn andere uns nicht annehmen und schauen so dafür umso genauer auf uns selbst und in uns hinein.

Durch den Schmerz lernen wir uns also selbst unweigerlich besser kennen, was unabdingbar für unsere weitere Entwicklung ist. Zudem werde wir dadurch achtsamer und bekommen ein Gespür für das, was richtig ist und uns gut tut und was nicht. Wir schärfen unseren Blick für unsere Umwelt und gehen dadurch zwangsläufig achtsamer mit uns selbst um.

Schmerz ist ein Gradmesser für unsere Kraft

Natürlich ist Schmerz jedoch nicht gleich Schmerz. Es gibt Situationen, in denen er so stark erlebt wird, dass man nur schwer oder überhaupt nicht damit fertig wird. Dies kann ein sehr plötzliches und zugleich intensives Erlebnis sein wie ein schwerer Verlust oder ein großer Misserfolg oder eine Situation, in der man tagtäglich, monate- oder gar jahrelang immer wieder die gleichen Qualen erfährt. Wenn man beispielsweise ohne Liebe aufwächst. So erleben wir Tag für Tag immer wieder dieselben Stiche, die uns wehtun und sich so immer weiter in uns ansammeln.

In solchen Momenten wird unsere Kraft sehr hart auf die Probe gestellt, weil es von da an nur in zwei Richtungen gehen kann. Entweder akzeptieren wir den Schicksalsschlag und bemühen uns damit fertig zu werden oder wir gehen daran zugrunde. Es gibt da keinen Mittelweg. Man kann sich nicht dazu entschließen, mal einen Tag den Schmerz zuzulassen und dann an einem anderen Tag wieder nicht.

Viele Menschen kommen mit solch harten Erlebnissen oft nicht zurecht und verlieren sich dann in ausschweifenden Süchten. Sie betrinken sich, rauchen, verfallen Drogen oder kompensieren den Schmerz auf andere Weise, weil sie ihn nicht sehen und spüren wollen. Deswegen ist bei Abhängigen selten die Sucht selbst das Problem, sondern nur eine sehr selbstzerstörerische Art, mit ihren Problemen umzugehen. Die Sucht ist nur ein aufgebauter Schutzschild, um sich nicht mit etwas noch schmerzhafterem auseinandersetzen zu müssen.

Dass ein solcher Umgang nicht empfehlenswert ist, ist fast nur logisch. Allerdings sollte man sich davor hüten, solche Menschen zu verurteilen. Sie sind nur in sich Gefangene, die dringend Hilfe benötigen. Es ist unmöglich zu sagen, was in ihnen vorgeht, solange sie sich nicht mitteilen.

Gelingt es uns jedoch, einen Weg zu finden, den Schmerz zuzulassen, ist er eine gute Gelegenheit für uns zu wachsen. Das ist ein langwieriges und schwieriges Unterfangen, weil sich in so einer Phase alles zeitlos anfühlt und man denkt, dass es nie aufhören wird. Je mehr es uns jedoch gelingt, ihn zu akzeptieren, desto leichter wird er mit der Zeit. Dabei ist es unabdingbar, uns auch die entsprechende Zeit zu geben.

Was Schmerzen bewirken

Oft fragt man sich, welchen Sinn erlittener Schmerz hat und versteht dessen Bedeutung oft erst viel später. Erst, wenn unser Verständnis die Gründe vollständig umfasst, begreifen wir dessen Notwendigkeit. Dann macht sich in uns der Gedanke breit, dass wir nur auf diesem Wege, also auch nur durch eben diese erlittenen Schmerzen ans Ziel gekommen sind.

Bis zu dieser Erkenntnis jedoch quälen wir uns durch ein Martyrium aus Fragen nach dem warum und werfen dem Leben selbst vor, ungerecht zu sein. In solchen Momenten erscheint einfach alles sinnlos und der Glaube an uns selbst fällt uns dazu umso schwerer.

Wenn du in so einer Situation schon mal gesteckt hast, oder vielleicht sogar gerade eine solche erlebst und dich mit solchen Fragen und Vorwürfen quälst, dann tue folgendes: Stelle dir selbst die Frage, warum du gerade jetzt diesen Schmerz erfährst. Sei dabei möglichst unvoreingenommen.

Die schlichte und vermutlich gleichzeitig  sehr überraschende Antwort lautet: Weil du bereit dafür bist. Du magst jetzt ungläubig den Kopf schütteln oder denken „wie kann das sein? Wenn ich dafür bereit wäre, würde ich doch nicht so sehr darunter leiden!“ Falsch, gerade weil du bereit bist, bist du eben dazu in der Lage den erlittenen Schmerz so tief zu empfinden. Wahre Stärke bedeutet nicht, sich eine Rüstung anzulegen, an der der Schmerz im entscheidenden Moment einfach abprallt, sondern ihn anzunehmen und zu spüren in all seinen Facetten. Denn nur, wenn du dazu in der Lage bist, ihn voll und ganz zuzulassen mit all seinen Aspekten, kannst du daran wachsen und dich weiter entwickeln.

So überrascht und überfordert du dich im Augenblick fühlen magst, du bist bereit dafür. Das erkennst du, wenn du in dich hineinhörst und dir selbst vertraust. Das Leben erteilt uns nur die Lektionen, die wir in unserer aktuellen Entwicklung verdauen können, auch wenn wir etwas länger daran zu knabbern haben.

Stellst du dich dem, sei es allein oder mit Hilfe (das ist völlig egal), wirst du am Ende umso gestärkter daraus hervorgehen und mehr Zuversicht gewinnen.

Alles Liebe

Sayeda.

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