Die Bedeutung von Empathie

Nur durch Schmerz erlangt man Mitgefühl

Schmerz dient der persönlichen Entwicklung

Wieso erleide ich jetzt dieses Unglück? Diese vollkommen berechtigte Frage stellen sich die meisten von uns nur, wenn sie gerade in einer belastenden Situation stecken und die viel Energie abverlangt. Irgendwie logisch, denn warum sollte man sich Gedanken über negative Themen machen, wenn es einem gerade gut geht? Diese Haltung ist zwar verständlich, aber auch sehr kurzsichtig.

Damit du mich jetzt nicht missverstehst: Das bedeutet jetzt nicht, dass du langfristig schmerzhafte Situationen bewusst planen und durchleiden musst, um dich abzuhärten. Im Leben begegnet er uns oft genug unverhofft, da müssen wir es nicht auch noch extra darauf anlegen. Was ich meine ist, dass es für uns viel leichter wäre, mit dem Schmerz umzugehen, wenn wir uns mal ganz bewusst die Zeit nehmen würden, darüber nachzudenken.

Denn: Schmerz hat auch seine positiven Seiten. Natürlich lässt sich das in einer akuten Situation für uns nicht erfassen, da sind wir uns schlicht zu nah. Erst aus der Distanz und der damit einhergehenden Objektivität können wir das Gute daran erkennen. Aber worin liegt nun sein Sinn?

Stellen wir uns dazu einfach mal folgende Frage: Was unterscheidet Menschen, die viel schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben von den Menschen, die bisher scheinbar unbeschadet durchs Leben gegangen sind? Meiner bisherigen persönlichen Erfahrung nach sind Menschen, die die harten Seiten des Lebens kennengelernt haben meistens verständnisvoller, nachsichtiger und vor allem empathischer. Ihnen fällt es deutlich leichter, sich in die Person hineinzuversetzen, die aktuell gerade etwas Schweres durchstehen muss. Dadurch können sie anderen Menschen zwangsläufig eine große Stütze sein.

Jemand, der nie etwas Negatives hat durchstehen müssen, ist oft kaum dazu in der Lage, sich die Situation überhaupt vorzustellen. Ein klassisches Beispiel zur Veranschaulichung: Jemand, der aus wohlhabenden Verhältnissen kommt, kann sich oft kaum vorstellen, was es heißt, in ärmeren Verhältnissen zu leben und mit den damit verbundenen Konsequenzen fertig zu werden.

Natürlich gibt es auch Menschen, die durchaus die Fähigkeit zur Empathie besitzen, obwohl es ihnen besser ergangen ist als andere. Das habe ich selber auch schon erlebt, aber bisher war das eher die Seltenheit.

Egal ob Trennung, Verlust oder Zurückweisung. Langfristig werden wir durch solche schmerzhaften Erlebnisse nicht nur stärker, sondern auch einfühlsamer, wodurch wir anderen zumindest Trost spenden können, wenn schon nicht helfen und auch das kann hilfreich sein.

Das Gute am Schmerz ist also, dass er seinen Sinn hat.

Warum überhaupt Schmerz im Leben passiert

Der heilige Buddha kam durch lange Meditation schließlich zu der Schlussfolgerung, dass das Leben an sich Leiden bedeutet, da Geburt, Arbeit, Alter unmittelbar mit Schmerz verbunden sind. Daraus leitete er wiederum das Ziel ab, nicht mehr geboren zu werden, um dem schmerzhaften Kreislauf aus Leben und Tod zu entkommen.


Wenn du nur kurz darüber nachdenkst, erkennst du ziemlich schnell, dass dieses von Buddha beschriebene Ziel kaum in einem Leben erreicht werden kann, was zwangsläufig zur Idee der Wiedergeburt führt.

Unabhängig davon, ob du jetzt an die Reinkarnation glaubst oder nicht, lasse den Satz Leben ist Leiden auf dich wirken, ohne ihn gleich als absolute Gesetzmäßigkeit anzunehmen. Es lässt sich nicht abstreiten, dass eine unleugbare Wahrheit in diesen Worten steckt. Das Leben ist vergänglich und kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. Das, was uns wirklich bleibt, sind die Erfahrungen, die wir machen.

Was genau bedeutet das im Hinblick auf Schmerz also? Je nachdem, was dir im Leben bisher widerfahren ist, hast du bestimmt eine Art von Schmerz erfahren. Kaum einer geht ohne Schmerzen durchs Leben. Sei es jetzt der Schmerz über einen Verlust, Niederlage oder darüber, Ablehnung erfahren zu haben. Egal, welche Art du bisher erfahren hast, im Laufe der Zeit wirst du festgestellt haben, dass dieses Erlebnis, so belastend es auch war, dir ermöglicht hat, über den Tellerrand hinauszublicken. Ohne darüber nachzudenken, kannst du dich viel leichter in einen Menschen hineinversetzen, der gerade Schmerz erfährt. Dazu musst du nicht mal das Gleiche erlebt haben, allein die Tatsache, dass du ihn wahrnimmst, hilft deinem Gegenüber ungemein. Die schlichte Wahrheit ist nämlich: Menschen, die gerade schmerzhaftes durchmachen, suchen nicht nach jemandem, der ihnen den Schmerz abnimmt oder sie sogar davon heilt, sondern meistens reicht es völlig, wenn ihnen jemand Gehör schenkt. Das Wissen darüber, dass man sich mit jemandem austauschen kann, der den Schmerz versteht, bringt eine ungemeine Erleichterung. Natürlich wird Hilfestellung gerne angenommen, aber die oberste Priorität liegt ganz wo anders, wie du feststellst.

Schmerz erfahren zu haben, gibt einem also die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen. Praktisch mit dem anderen zu fühlen, wodurch der Betroffene sich unwillkürlich leichter fühlt, weil er nicht das Gefühl hat, alleine damit geschlagen zu sein.

Was bedeutet das also im Hinblick auf die Reinkarnation? Je mehr Erfahrungen du im Leben sammelst, durch die du Schmerzen erleidest, desto weiter wird dein seelischer Horizont. Das wiederum bedeutet, dass du ein immer größeres Verständnis für das Leid und die Entwicklung anderer Menschen erwirbst und durch das damit einhergehende Mitgefühl eine immer größere Empathie. Auch, wenn du dich für die Idee der Widergeburt nicht öffnen kannst, reicht es völlig, dich auf dieses Leben zu konzentrieren. Jede Erfahrung, vor allem die schmerzhaften sind wertvoll für die seelische Entwicklung.

Du kennst bestimmt das Sprichwort: Was du nicht willst, dass man dir tu, füg auch keinem anderen zu. Da wir Menschen aber eine lange Leitung haben, müssen wir erst selbst die nötigen Schläge einstecken, bevor wir uns überhaupt vorstellen können, dass wir anderen durch unser Handeln Schmerzen bereiten. Bei einigen braucht es dazu möglicherweise mehr als ein Leben, unabhängig davon, ob man sich das vorstellen kann oder nicht.

Nur indem wir selbst Schmerzen erfahren haben, können wir also die notwendige Empathie entwickeln, um den Schmerz eines anderen zu verstehen.
Vergiss dabei aber nicht, dir selbst die nötige Zeit zur Heilung zu lassen. Erst dann ist umfassendes Verständnis möglich.

Alles Liebe

Sayeda

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